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Freitag, 13. März 2009, 22:55 Uhr

Beretta

James Bond musste sie bereits in seinem ersten Film gegen eine Walther (nicht verwandt und nicht verschwägert) PPK eintauschen. Für andere lag sie griffbereit im elterlichen Schlafzimmer. Die Beretta. Die Pistole ist für ihre extreme Zuverlässigkeit bekannt; Besitzer berichten, dass auch nach 15.000-20.000 Schuss keine Ladehemmungen vorkamen. Na dann...
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Die Firma Beretta wurde übrigens 1526 das erste Mal urkundlich erwähnt, als der Büchsenmacher Bartolomeo Beretta aus Venedig einen großen Auftrag über Arkebusenläufe für das städtische Arsenal erhielt. Während der Äpfelweinanstich in Frankfurt abgesagt wurde, feiert die Waffenmesse in Nürnberg fröhliche Urständ, nicht ohne natürlich den Opfern von Winnenden Mitgefühl zu entbieten. Aber auch die Waffenbranche fürchtet nun Umsatzeinbußen. Freilich nicht wegen Tim K., sondern wegen der allgemeinen Rezension. Gleichwohl wird man sich in Krisenzeiten sicher wieder zu erholen wissen. Dagegen stehen deutlich jüngere Firmen (Jhrg. 1862) eher zur Disposition.
Vor der Halle baumeln die Fahnen recht pietätvoll auf halbmast, drinnen am Beretta-Stand ist die Stimmung schon Freitagmittag prima. Aus den Boxen dröhnt "One Vision" von Queen. Auf großen Flachbildschirmen flackern wohlig klingende Wörter: "reliable", "passionate", "responsible". Im Obergeschoss schenkt der italienische Waffenhersteller seinen Kunden Beretta-Wein aus. An einem Tresen kann man sich für das Wirtschaftskrisen-Treffen der Beretta-Händler anmelden. Das Motto dazu steht auf einem großen dunkelblauen Schild: "Shoot down the crisis!"
Ist es nicht schön um uns herum?
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Ach ja, und noch einen drauf: Marksman After Shave. Für Herrenwanderer - nicht nur für Sportschützen - mit Kräuterkomplex (die Natur ist doch stärker) zur Beruhigung und Pflege der Haut. Glasflasche in Patronenform, 100 ml, 16,- €. Elegant und männlich. Nichts für Weicheier.

Kommentare:

O�Hara, Samstag, 14. März 2009, 11:45 Uhr

Der von Joe angemahnte Ernst der Lage wird doch in dem hier "Geposteten" wieder in den Blick genommen. Gegen die wahrheitsgemäß nachgezeichnete Realität hilft manchmal nur noch Zynismus. Aber dessen bedurfte es hier gar nicht. Man muss nur ein paar wahre Aussagen aneinander reihen. Es gehört wohl auch zum Wesen des Menschen, dass er selbst in Phasen schlimmster Vorfälle sich in die Stabilität vortäuschenden Strukturen des Alltags, des Gewohnten und Funktionierenden flüchtet oder auch begibt, um dort wieder Kraft zu sammeln. Nicht jeder findet diese notwendige Stütze in Gedanken mit sich alleine oder in der Philosophie. Das Spektrum der entsprechenden "Rekonvaleszenz" dürfte über Zen und Kant hinausgehen (oder eben davor halt machen). Je nachdem von wo aus man das betrachtet.

 

Dubai-Daum, Samstag, 14. März 2009, 21:11 Uhr

... der Autor meinte wohl Rezession, nicht Rezension. Egal...
Schule gibt´s schon lange, Schulhasser genauso lange. Neu ist die Verzweiflung Einzelner, die sich auf großer Bühne öffentlichkeitswirksam mit exhibitionistischen Zügen austobt. Menschen, die unbeachtet oder verachtet durch ihren tristen Alltag taumeln, bis sie an einem Punkt angelangt sind, wo sie glauben, nichts mehr verlieren zu können. Der Freitod soll die Erlösung bringen, das Verlangen nach Anerkennung ist ungebrochen glühend, die Hemmschwelle durch TV-Schund und gewaltverherrlichende Computeranimationen kaum noch vorhanden. Dieser hochbrisante Gefühlsmix findet im Amoklauf mit finaler Selbsttötung seine Kompensierung. Die Tat ist Selbstverwirklichung: Der ganz große und medial verwertbare Auftritt, der einen Bekanntheitsgrad ungeheuren Ausmaßes verschafft. Und zugleich Abgang ist - Bumm! Aus! Ihr könnt mich alle mal!!!

 

Joe, Samstag, 14. März 2009, 22:07 Uhr

Okay, soweit die Diagnose.

Was ist - Deiner Meinung nach - zu tun?

 

Dubai-Daum, Sonntag, 15. März 2009, 00:03 Uhr

Die staatlichen Sanktionsmöglichkeiten sind klar geregelt, wie Du als Jurist zu bestätigen weißt.
Angezeigte Präventionen: Soziale Kompetenz bei jungen Menschen stärken, ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken, sich intensiver mit ihnen und ihren Problemen auseinander setzen, empfänglicher werden für Warnsignale, und ... den Fernsehkonsum sowie den Konsum von Computerspielen pädagogisch-kritisch begleiten. Die konkrete Ausgestaltung hat sich am Einzelfall auszurichten. Mit Kant und Zen-Buddhismus jedenfalls wird man die Mehrheit der Jugendlichen nicht erreichen, die problematischen unter ihnen schon grad gar net!
Im Übrigen: Mich persönlich interessieren mehr die Psychologie der Tat und das Profil des Täters!

 

Joe, Sonntag, 15. März 2009, 10:19 Uhr

Mit der Aussage, daß man mit Kant und Zen-Buddhismus die Mehrheit der Jugendlichen nicht erreichen wird - jedenfalls sicherlich nicht so ohne weiteres - dürftest Du leider recht haben.

Meines Erachtens beginnt das Problem aber nicht bei den Jugendlichen, sondern bei den Älteren, die sich - sehr weit betrachtet - der Sache mehr annehmen müßten.

Die Jugendlichen orientieren sich an Vorbildern. Wenn solche nicht da sind - und m.E. ist genau dies in der Allgemeinheit zu beklagen - sieht es übel aus. Wahrscheinlich ist da schon "das Kind in den Brunnen gefallen".

Die Geisteshaltung, die insgesamt bei uns vorherrschend ist, ist ja nicht über Nacht gekommen; nein, wir haben über eine lange Zeit hinweg vieles, was wichtig ist verloren.

Es ist ja z.B. nicht damit getan, daß man von Seiten der Politik -bspw. in Form der Kultusministerien - frühzeitig eine Ethikunterricht an der Schule einführt, solange die Eltern und die Gesellschaft insgesamt dieses Konzept nicht mittragen.

Sicherlich muss man da teilweise differenzieren: der türkische Ehrenmord in Rüsselsheim ist - abgesehen vom Ergebnis - nicht ohne weiteres mit dem Schulamoklauf zu vergleichen.

Und doch fehlt es - so denke ich - auch hier - an einer "aufgeklärten" Geisteshaltung. Schließlich leben wir nicht mehr im Mittelalter oder im Wilden Westen.

 

Joe, Sonntag, 15. März 2009, 10:28 Uhr

NACHTRAG:

Aus aktuellem Anlaß möchte ich noch einen Nachtrag machen:

"Für Tim K. war es denkbar einfach sich die Beretta zu beschaffen, mit der er 15 Menschen tötete - sie lag unverschlossen im Schlafzimmer seiner Eltern."

Habe diese Nachricht soeben bei spiegel-online gelesen:
www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,613395,00.html

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf den von mir bereits zitierten - von O'Hara etwas belächelten - Spruch aus der Dietfurter ZEN-Meditation zurückkommen:

„Ich will Euch dies eine vor Augen führen:
schwerwiegend ist die Frage nach Leben und Tod.
Die vergänglichen Dinge des Lebens schwinden rasch dahin.
Seid daher stets wachsam, niemals nachlässig, immer aufmerksam.“

Wenn solche Gedanken nicht in die Mehrheit der Köpfe der Menschen eindringen, werden auch eine Verschärfung des Waffenrechts oder ähnliche Maßnahmen nichts bringen. Es geht hier nicht um eine banale Arbeits- oder Handlungsanweisung, die dem Vater von Tim als Schützen bekannt sein mußte.

Es geht vielmehr um eine verinnerlichte Geisteshaltung, die sich mit der Frage nach Leben und Tod, und dem Sein auseinandergesetzt hat und allgemein praktiziert wird

 

Dubai-Daum, Sonntag, 15. März 2009, 11:03 Uhr

@ Joe: Du sprichst mir aus der Seele! Wir sind - wieder einmal - einer Meinung!
Die Jugendlichen, die grundsätzlich empfänglich sind für beispielsweise Kant´sche Lehren oder die Weltanschauung des Zen-Buddhismus sind die, von denen in aller Regel keine Gefahr ausgeht. Diese dürften auch fast immer zu mündigen, selbstverantwortlichen und verantwortlichen Staatsbürgern heranwachsen. Und was den traurigen Rest anbetrifft, sei an dieser Stelle an Carson Schiffkorn verwiesen, der die Vertreter dieser Spezies als "Onions" bezeichnete: "You can peel and peel, but you won´t find any core. Because there is no core. There is nothing!"

 

O�Hara, Sonntag, 15. März 2009, 11:22 Uhr

Die Beschaffung der Beretta hatte der "lächelnde" O´Hara schon längst (s. Titel oben) kritsch gepostet. Ich wende mich i.Ü. nicht gegen die Aussage von Zen-Sprüchen. Ich bitte nur darum, zu erwägen, dass die Vermittlung von Grundwerten weder auf Kant, Zen noch auf die Bibel gestützt werden muss. Außerdem fürchte ich, das der erwähnte ZEN-Spruch dem Durchschnitts-Schüler (und auch den entsprechenden Eltern) zuviel Transferleistung abverlangt. Die mögt ihr beiden (Joe, D.D.) leisten, Tim K. hätte das vermutlich nicht verstanden. Für die Vermittlung von (lebenserhaltendem) Respekt vor dem Nächsten kann und muss man einfachere Wege gehen.

Mal was anderes: Was sagt Ihr denn zur Rolle der Medien beim School Shooting: Es wird - mit Blick auf die mediale Darstellung in RTL und BILD etc. der Vorwurf erhoben, dies würde als negatives Vorbild dienen können. Ich denke, da ist was dran! Die "gemobbten Loser" können sich ihre zu erwartende posthum-Beachtung vorher schon reinziehen und daraus Kraft schöpfen.

 

Dubai-Daum, Sonntag, 15. März 2009, 12:07 Uhr

@ O´Hara: s. meinen Beitrag vom 14.03.09, 22.11 Uhr!

 

Webby, Sonntag, 15. März 2009, 13:43 Uhr

GNT is the new Kant!

 

O�Hara, Sonntag, 15. März 2009, 15:43 Uhr

@ D.D.: Stimmt.
@Webby: Stimmt auch. So manches Next Top Modell ist selbst Botschaft genug (hechel!)

 

Dubai-Daum, Sonntag, 15. März 2009, 17:31 Uhr

@ Webby: Falsch! GNF is the new Kant!

 

Webby, Montag, 16. März 2009, 11:30 Uhr

@ DD: Als ich den Eintrag verfasst habe, wusste ich schon, dass da – aufgrund der Lautsprache – mehr drin steckt, als Buchstaben vermitteln können.

 
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