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Sonntag, 15. November 2009, 10:30 Uhr
Anstoß zu einer neuen S’epulkralkultur
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In eher ungewohnter Form begegnet die Fußballgemeinde nebst Anhang aus Sport, Politik etc. dem Tod der Nr. 1 im Tor der Nationalelf. Ein gefülltes (ausverkauftes?) Stadion mit mittig aufgebahrtem Sarg. Auf der Spielerbank die in Apathie gefangenen Angehörigen mit gelungenem Product-Placement durch die von der Totalen ins Detail gehende Kameraführung: Tempo - das Trauer-Taschentuch. Weniger die Familie als Fans und Freunde applaudieren bei der von einer 17-jährigen gehauchten Vereinshymne („96 - meine alte Liebe“) ebenso wie bei den Wortbeiträgen der Offiziellen. Theo Zwanziger relativiert für einige Minuten die Bedeutung des Profifußballs in unserer Gesellschaft und mahnt zu jenem Einhalt in unserem Tun, den wir schon längst verpasst haben. Ein Schwenk über die Tribüne zeigt die in Schweigen gehüllten Trauergäste ebenso wie die unverhüllte Bandenwerbung eines Finanzdienstleisters. Eigentlich nur eine konsequente Fortsetzung der beim Hamburger Sportverein für Fans im vorgerückten Alter kürzlich geschaffene Möglichkeit, sich auf einem Fußballfriedhof (in den Vereinsfarben) beisetzen zu lassen. Der Tod und die Deutschen - neue Maßstäbe sind gesetzt.
Kommentare:
Webby, Sonntag, 15. November 2009, 11:23 Uhr
Ganz ehrlich: Als am Dienstag im Fernsehen die Meldung über den Ticker lief, wusste ich gar nicht genau, wer dieser Enke überhaupt war. Ein Fußballer ... ja, das hätte ich noch getippt. Aber dass er der Top-Torwart war ... das war mir entgangen. Ich find's jedenfalls erschreckend, wie unsere Medien das ausschlachten. „In Frieden soll er ruh'n“ ... von wegen!
Joe, Sonntag, 15. November 2009, 12:08 Uhr
Ich will ja nicht pietätlos erscheinen, aber mir fehlt für dieses ganze Gedöhns jeglicher Sinn. Vor einigen Jahrzehnten hat sich mein damaliger Boxtrainer vor den Zug geworfen, vor etwa zehn Jahr ein mit mir befreundeter Rechtsanwalt erschoßen.
Kein Hahn hat damals danach gekräht.
Und bloß weil jetzt ein bekannter Torwart seinem Leben ein Ende gesetzt hat, versinkt die ganze Nation bildgewaltig in einer kollektiven Trauer. Soweit mir bekannt, hat seine Frau bereits kurz nach Bekanntwerden des Ereignisses das erste Interview gegeben, und die Medien verdienen nun durch ausgiebige Berichterstattung über die ganze Sache kräftig mit.
Wer trauern will, soll dies tun.
Aber bitte mit Würde, und in Stille.
Unter dem Wasser
auf dem Stein ruhend,
die herabgefallenen Blätter.
S.....chlo, Sonntag, 15. November 2009, 16:24 Uhr
Stimmt, was ihr schreibt....
tragisch ist trotzdem jeder Einzelfall, vieleliht ist das einzig Gute daran, daß das Thema nicht mehr so "totgeschwiegen wird..
F�ritz Walter (Ehrenspielf�hrer), Sonntag, 15. November 2009, 18:29 Uhr
Nun stehn sie da, die Fans, die vielen
die sonst, wenn andre Fußball spielen
im Stadion munter gehn zur Sache
bis zum Verlust der Muttersprache
(Zudem wer dies bedenken mag
heut´ ist ja auch "Volkstrauertag")
Damit perfekt, das Spiel vom Tod
sind heut´ - wie sonst - im Angebot
Accesoires vom toten Held
vor dem Stadion und für Geld
zwei Euro sind für "Kinderherz"
das lindert gleich den Trauerschmerz
Sie nehmen Anteil für drei Stunden
am Leid der andern und bekunden
dass nun das Schweigen hat ein Ende
und eingeleitet sei die Wende
zum Thema Sport und Depression
doch stört die solche die Saison
die nächste Woche weiter geht
und Aktien hoch und runter weht
Denn eines ist schon lange klar,
das nichts mehr ist, wie einst es war
Zwar heißt´s: "Elf Freunde müsst ihr sein"
Indes: der Torwart war allein
denn hindernd wirkt im Leistungssport
Krankheit und zuletzt, selbst Mord
Maßgeblich ist allein der Sieg
in Meisterschaft und Champions League
denn den Sport regiert längst Geld
auch wenn´s so manchem nicht gefällt
Denn allein die Unversehrten
sind auf dem Spielfeld die Gefährten,
Für Kranke ist hierauf kein Platz
sie zähl´n noch nicht mal zum Ersatz
"No future, loser" - drum, ich denke
das war das "Aus" für Robert Enke
Must save a soul?, Sonntag, 15. November 2009, 18:50 Uhr
wer Schreibt denn hier so depressiv????
Webby, Sonntag, 15. November 2009, 21:05 Uhr
Den Heinrich-Heine-Preis, ich denke
erhält O’ Hara für sein'n Enke!
D�epressis Verbis, Montag, 16. November 2009, 04:24 Uhr
Fort vom Platz die Invaliden
auch jene, die dahingeschieden
die stören nur bei Wettbewerben
besser ist´s, wenn jene sterben
die ohnehin im Wege stehn
wo andre rege vorwärts gehn
Nur die bei uns im Land was leisten
und das sind wohl die allermeisten
die dürfen bleiben an ihr´m Ort
die annern abber müsse fort
Ob zur Hölle, ob zum Himmel
oder aber - frei nach Simmel -
auch zu einem Regenbogen
es ist das Beste, ungelogen,
wenn die Schwachen aussortiert
(oder heißt´s evaluiert?)
Hoffentlich ist´s bei den Wand´ren
anders als bei all den andern
Dies und andres zu erörtern
mit Muße und mit vielen Wörtern
gibt alsbald Gelegenheit
unsere Weihnachts-Festlichkeit
die uns an December Eleven
zusammenführt, at half past seven.
Bis dahin grüßt - wie jedes Jahr -,
Der Richter-Dichter O´Hara
Webby, Montag, 16. November 2009, 09:35 Uhr
Den „Pullitzer“ noch hinterher
Für Dich, O’Hara, bittesehr!
Webby, Montag, 16. November 2009, 15:16 Uhr
Der Wahnsinn geht weiter:
DFB-Präsident Theo Zwanziger denkt an ein Benefizspiel im kommenden Jahr, dessen Erlöse der Enttabuisierung von Depressionen dienen sollen. Hannover-96-Sportdirektor Jörg Schmadtke möchte das kommende Bundesliga-Spiel gegen Schalke austragen lassen - seine Mannschaft brauche einen Zielpunkt.
Wahrscheinlich fallen die Spieler von Hannover 96 sonst in tiefe Depressionen. Oder doch eher der Kassenwart? Wie GAGA ist diese Gesellschaft eigentlich?
Schoko, Montag, 16. November 2009, 16:20 Uhr
Wieso Wahnsinn ? Ganz im Ernst: "Lebbe geht weider" - warum also sollte das nächste Bundesligaspiel von Hannover denn abgesagt werden? Und wie lange sollte denn eine wie auch immer geartete Besinnungspause andauern? Soll die ganze Republik jetzt innehalten, bis auch der letzte den Tod von Herrn Enke verarbeitet hat?
Geheimrat F, Montag, 16. November 2009, 17:28 Uhr
Lieber O-Hara und lieber Webby,
zunächst herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Gedicht. Leider habe ich keine Zeit und kein ausreichendes Talent meine Meinung in gereimter Form beizusteuern. Aber zum inhaltlichen Tenor muß ich doch etwas kritisch Stellung beziehen:
Eine Depression ist leider oft nicht suffizient zu therapieren. Da kann selbst eine liebevolle, eng umsorgende Familie manchmal den Selbstmord nicht verhindern. Es ist daher zu kurz gegriffen wieder mal alles auf unsere Gesellschaft, den Leistungsdruck im Profisport, das Geld oder generell auf die Oberflächlichkeit der Menschheit abzuwälzen. Das Problem ist vielmehr - wie es Frau Enke sehr schön in einem Interview zum Ausdruck brachte - in der Erkrankung und der Hilflosigkeit bei den Verwnandten und Freunden eines depressiven Menschen zu sehen. Vermutlich hätte sich Herr Enke auch unter anderen Umständen und ohne Leistungsdruck umgebracht.
Geheimrat F, Montag, 16. November 2009, 17:28 Uhr
Lieber O-Hara und lieber Webby,
zunächst herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Gedicht. Leider habe ich keine Zeit und kein ausreichendes Talent meine Meinung in gereimter Form beizusteuern. Aber zum inhaltlichen Tenor muß ich doch etwas kritisch Stellung beziehen:
Eine Depression ist leider oft nicht suffizient zu therapieren. Da kann selbst eine liebevolle, eng umsorgende Familie manchmal den Selbstmord nicht verhindern. Es ist daher zu kurz gegriffen wieder mal alles auf unsere Gesellschaft, den Leistungsdruck im Profisport, das Geld oder generell auf die Oberflächlichkeit der Menschheit abzuwälzen. Das Problem ist vielmehr - wie es Frau Enke sehr schön in einem Interview zum Ausdruck brachte - in der Erkrankung und der Hilflosigkeit bei den Verwnandten und Freunden eines depressiven Menschen zu sehen. Vermutlich hätte sich Herr Enke auch unter anderen Umständen und ohne Leistungsdruck umgebracht.
Geheimrat F, Montag, 16. November 2009, 17:31 Uhr
Gute Beiträge werden offenbar automatisch gedoppelt.
U. Geduld, Dienstag, 17. November 2009, 10:14 Uhr
Lebbe geht weider, nächster Beitrag bitte
Webby, Dienstag, 17. November 2009, 11:11 Uhr
Da hab ich doch tatsächlich was falsch verstanden: Natürlich soll das nächste Bundesligaspiel von Hannover 96 stattfinden. Ich hab's irrtümlich für das von Zwanziger vorgeschlagene Benefizspiel gehalten. Also im Klartext: Ich will das Thema "Depression" in keiner Weise verharmlosen, aber der Hype, der jetzt wegen eines bekannten Fußballspielers darum gemacht wird, ist mir einfach zu scheinheilig. Es war vollkommen ausreichend, dass die Nationalmannschaft ihr Spiel abgesagt hat. Beim nächsten Spiel können sie auch mit schwarzer Binde auflaufen und eine Schweigeminute einlegen – alles OK. Aber die große Hollywood-Show, die war wirklich zu viel des Guten. Man kann Mitgefühl auch kommerzialisieren!
Dein rotarischer Freund, Dienstag, 17. November 2009, 11:17 Uhr
Übrigens, Geheimrat: Freut mich, dass es Dir gut geht (nachdem ich am Sonntagmorgen 20 Minuten auf Dich gewartet und Dich auch gestern vermisst habe). Aber gestern abend warst Du wohl verplant (siehe doppelten Beitrag um 18.31 Uhr). ;-)
O�Hara (z. Zt. Crotia), Dienstag, 17. November 2009, 15:58 Uhr
Des geheimen Rates Worte
vernehm ich auch an and´rem Orte
Bin auch am Mittelmeer ganz Ohr
Dubrovnik, Hotel Excelsior.
Das Verweilen in weiter Ferne
wird ausgegleichen durch 5 Sterne.
Im Vordergrund bei meinem Dichten
- vielleicht konnt ich´s nicht recht gewichten -
stand die Kritik an dem Bohai
im Stadion mit der Trauerei
Den Verlauf der Depression
den, lieber Rat, den kennt man schon,
von Int´resse wär zu wissen
musst man solches früher missen
solch´ pathologischen Befund
oder war der Mensch gesund
Am Körper oder auch am Geist
ich freue mich, wenn Du was weißt
Und, wichtig! - waren es am End
früher auch 20 Prozent?
Ich hoffe ich bekomm das nie
Vielleicht hilft gleich Cevapcici
Vorher aber spür ich Drang
zum Lauf im Sonnenuntergang
Joe, Dienstag, 17. November 2009, 16:04 Uhr
Hey, Webby. Bist zwar nicht mein Blutsbruder, trotzdem schließe ich mich diesmal Dir uneingeschränkt an.
Gegen die Tendenz, sich nunmehr mal intensiver mit einer bislang wahrscheinlich nicht hinreichend Ernst genommenen Erkrankung zu beschäftigen ist nichts einzuwenden. Den Hype aber, der sich um die Figur des Torwartes entfaltete, empfand ich dagegen gleichfallls als "wirklich zu viel des Guten".
Und nun:" Requiescat in pace". -
Nächstes Thema, bitte.